Letzte Änderung: August 2016
Änderungen an: "Liegnitzer Heimatblatt" und "Gästebuch"


Zu meiner Person
oder
"Wie ein Franke zu seiner zweiten Heimat Schlesien kam"

1924 in der Regierungshauptstadt von Mittelfranken, in Ansbach, geboren, besuchte ich dort die achtklassige Volksschule. Es folgten drei Jahre Fachschule für Maschinenbau in Ansbach mit dem Abschluss als Maschinenbaufeinmechanikergeselle. Im Oktober 1942 wurde ich zur Wehrmacht (Infanterie) nach Regensburg eingezogen, wo ich die erste, allerdings nur kurze Bekanntschaft mit Schlesiern machte. Es waren Rekruten aus Ostoberschlesien. Als im Januar 1943 für den Fronteinsatz im Osten ein Bataillon zusammengestellt wurde, erfolgte die Trennung. Um die fiktive Gefahr der Fahnenflucht auszuschließen, kamen sie in den von der Wehrmacht besetzten Ländern im Westen zum Einsatz. Aus dem gleichen Grund wurden wir mit Rekruten aus dem Elsass verstärkt.

Der Transport Richtung Ostfront erfolgte in einem langen Güterzug und dauerte fast drei Wochen; der Fall von Stalingrad und der Vormarsch der Sowjetischen Armee waren der Grund dafür. Bereits zu Beginn der Fahrt machte ich erstmals Bekanntschaft mit dem Land Schlesien, das wir durchfuhren, und zwar mit Görlitz, allerdings ganz unbewusst. Bei einem Halt auf dem Bahnhof konnte ich einen ersten Kartengruß an meine Eltern und Geschwister, geschrieben während der Fahrt im Güterwagen mit Bleistift und zittriger Hand auf dem Bauch liegend - als Unterlage diente der Rücken des Tornisters -, einem Passanten geben, mit der Bitte, ihn in den Briefkasten zu stecken. Als ich nach Kriegsende glücklich heim nach Ansbach kam, übergab mir meine Mutter einen Karton mit allen meinen Briefen und Karten aus meiner fast drei Jahre andauernden Soldatenzeit, die sie fein säuberlich gesammelt hatte. Darunter auch dieses Dokument meiner ersten Bekanntschaft mit Schlesien.

In der Zwischenzeit hatte ich aber noch das wohl gravierendste Ereignis meines späteren Lebens und im Hinblick auf Schlesien. Es war am 5. Februar 1945 auf dem Weg zur Kriegsschule nach Randers in Dänemark, als ich in einem Militärzug ein Mädchen mit einem kleinen Scotchterrier, das von einem Soldaten angepöbelten wurde, traf. Ich half dem Mädchen und erfuhr dabei, dass es sich aus Schlesien auf der Flucht befand und die Einheit des Fliegerhorstes Liegnitz, bei der es bisher beschäftigt war, suchte. Diese sollte nun in oder bei Flensburg stationiert sein. Die ihm heimlich in die Manteltasche gesteckte Adresse meiner Einheit in Dänemark erfüllte ihren Zweck, denn nach einiger Zeit entstand eine rege nächtliche Telefonverbindung. Ursula, so hieß das Mädchen, hatte ihre Einheit gefunden und war wieder in der Fernsprechvermittlung tätig. Nach Abschluss meines Lehrgangs gab es auf der Fahrt zum vorgeschriebenen Fronteinsatz bei Glauchau nur ein kurzes Wiedersehen in Flensburg. Aber das Schicksal wollte es, dass ich Glauchau, wo damals die Ostfront stand, nicht erreichte.

Bereits noch in Schleswig-Holstein bekam ich einen Anfall der mir in Rumänien eingehandelten Malaria. Dieser zwang mich, in Großenaspe, einem kleinen Ort, auszusteigen und dort eine mir bekannte Pastorenfamilie aufzusuchen. Nach dem anschließenden erforderlichen Lazarettaufenthalt in Bad Bramstedt hinterließ ich mein Gepäck bei dem Pastor und fuhr nach Hamburg, wo ich zum weiteren Fronteinsatz eingeteilt wurde. Bei Kriegsende kam ich in englische Internierung und wurde Ende August 1945 entlassen.

Erst Anfang 1946 fand ich in meinem kleinen Kalender von 1945, in dem ich ein bisschen Tagebuch führte, die Adresse der Angehörigen von Ursula, bei denen sie kurz vor unserem Zusammentreffen im Zug war und die als Sammelpunkt für ihre ganze Familie galt. Es war Wittenberge bei Berlin. Ich schrieb dorthin und der Brief machte eine lange Reise. Als endlich die Antwort eintraf, konnte ich kaum glauben, dass diese ausgerechnet aus dem Dorf kam, in dem ich mein Gepäck bei der Pastorenfamilie hinterstellt hatte, aus Großenaspe in Schleswig-Holstein. Man hatte Ursula zusammen mit Mutter und Schwester von Friedland aus dorthin eingewiesen. So viel Schicksal war natürlich Grund für eine Reise, um nicht nur das Gepäck zu holen, sondern besonders sich wieder zu sehen. Es gab einen Gegenbesuch und schon bald die Einsicht, dass man zusammengehört.

Aber auch dann, als ich, der Franke aus Ansbach, im September 1946 dieses schlesische Flüchtlingsmädchen Ursula Friemel aus Liegnitz heiratete, wusste nicht nur ich, sondern auch sie noch nichts von den geschichtlichen und kulturellen Beziehungen beider deutscher Länder zueinander. Wir ahnten auch nichts davon, dass der Piastenherzog Friedrich II. von Liegnitz, der am 19.10.1573 den Erbverbrüderungsvertrag mit dem Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg schloss, in zweiter Ehe mit Sophia, der Tochter des Markgrafen Friedrich von Ansbach verheiratet war und dass wir somit für einen gerechten Ausgleich sorgten.

Dies alles kam uns erst zum Bewusstsein, als wir nach einem 13-jährigen Zwischenaufenthalt in der Oberpfalz, wo ich als Angehöriger der Bayerischen Grenzpolizei meinen Dienst verrichtete, nach München zum Landeskriminalamt versetzt wurde. Hier trafen wir schon 1960 auf Landsleute meiner Frau, die sich in der Liegnitz-Lübener Heimatgruppe zusammengefunden hatten und das Gedenken an die verlorene Heimat aufrecht hielten. Hier lernte ich vieles über die Geschichte Schlesiens kennen und wie schön die verlorene Heimat Schlesien und die Heimatstadt Liegnitz war. Erst hier wurde mir nun bewusst, dass ein Großteil der Deutschen, die die Heilige Hedwig im 13. Jh. nach Schlesien rief, um ihr Land zu besiedeln, aus Franken stammte. Und das lässt nun mal den Schluss zu, dass zu dieser Zeit meine fränkischen Vorfahren vielleicht fußkrank waren und diesem Ruf nicht Folge leisten konnten. Dann wäre ich wohl statt eines Franken, ein Schlesier geworden. Und deshalb engagiere ich mich seit Jahren in dieser Heimatgruppe für Liegnitz, für Schlesien! Auch mit dieser Internetseite.

Erich Stübinger